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Wie das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht" seinen Weg über Leipzig in die ganze Welt nahm
Im Jahre 1831 gedruckte Kirchengesangsbücher kannten dieses Lied noch nicht. Es war außer an seinem Entstehungsort Oberndorf im Salzburgischen und im Tiroler Zillertal, wo der Orgelbauer Karl Mauracher wohnte, der die marode Orgel in Oberndorf wieder in Gang gesetzt hatte und dafür u. a. den Text und die Noten des Liedes von Josef Mohr und Franz Xaver Gruber erhalten hatte, überall sonst auf der Welt noch unbekannt - mit einer Ausnahme: in Leipzig! Und das kam so: Die Zillertaler Familie Strasser verdiente ihren Lebensunterhalt mit dem Herstellen und Vertreiben von Handschuhen. Dazu besuchte sie auch den Leipziger Weihnachtsmarkt, wo sie 1831 ihren Stand am Durchgang vom Barfußgässchen zum Salzgässchen aufgebaut hatte. Um dort Kunden auf sich aufmerksam zu machen, sangen die Geschwister Strasser Tiroler Lieder, darunter das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht". Das hörte - wahrscheinlich zufällig - der Kantor der katholischen Trinitatisgemeinde Leipzig, Franz Alscher. Er erbat sich von den Geschwistern das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht", weil es ihm offensichtlich gefiel, und lud die vier Geschwister ein, das Lied während der Christmette zu singen. Die Geschwister taten dies, und so erklang am 24. Dezember 1831 dieses Lied in der katholischen Kapelle der St. Trinitatisgemeinde in Leipzigs Pleissenburg, an deren Platz heute das Neue Rathaus steht. Wie die katholische Gemeinde darauf reagiert hat, ist nicht überliefert. Da die Geschwister jedoch gebeten wurden, ihr Lied auch während der Pause eines Leipziger Gewandhauskonzertes vorzutragen, und dies auch am 19. Januar 1832 geschah, muss geschlossen werden, dass es auch in der Pfarrgemeinde sehr gut angekommen war. Die "Allgemeine Musikalische Zeitung Leipzig" schrieb in Nr. 5/1832, man hätte in der Pause die Sänger "so lange gebeten, bis sie der vollen Versammlung die Freude gewährten, einige Tiroler Nationallieder ... so allerliebst vorzutragen, dass der Saal vom stürmischen Beifall widerhallte". Spätestens nach dem Liedvortrag in der Pleißenburgkapelle und im Gewandhaus wussten die Strassers, dass sie einen "Hit" in ihrem Repertoire hatten, mit welchem sich mehr Geld verdienen ließ als mit dem Verkauf von Handschuhen und Socken. Fortan machten sie Konzertreisen. Bereits am 15. Dezember 1832 waren sie erneut in Leipzig - als Künstler, und gaben im Saal des Hotels de Pologne in Leipzig ein Konzert, u. a. mit dem Lied "Stille Nacht, heilige Nacht". Unter den Zuhörern war der Verleger A. R. Friese aus Dresden, der das Lied zusammen mit anderen Liedern druckte, wahrscheinlich schon 1833. Bald danach, so wussten Zeitungen zu berichten, wurde es in Hannover und in Berlin gesungen und verbreitete sich in Windeseile weiter. 1839 war es bereits in New York angekommen. Alte Gemeindemitglieder der heutigen Propsteigemeinde "St. Trinitatis" wollen wissen, dass auf Grund der Tatsache, dass das Lied in ihrer Kirche schon 1831 "aus der Taufe gehoben" worden war, die Trinitatis-Gemeinde ein päpstliches (oder vatikanisches) Privileg besessen haben solle, nach welchem es ihr als einziger Gemeinde gestattet gewesen sein soll, dieses Lied in jedem Sonntags-Gottesdienst zwischen dem Sanctus und dem Agnus Dei singen zu dürfen. Darüber existiert aber kein schriftliches Zeugnis in der Gemeinde, so dass man nicht weiß, ob dies den Tatsachen entspricht oder eine Legende ist. Die heutige Trinitatis-Gemeinde singt dieses Lied auf jeden Fall alljährlich in ihrer Christmette, die am 24. Dezember um 22 Uhr in der Nikolaikirche stattfindet. Die dortige Orgel ist die größte Kirchenorgel in Ostdeutschland. Sie besitzt ein Glockenspielregister, welches Kantor Kurt Grahl, der 5. oder 6. Nachfolger Kantor Alschers, immer zieht, wenn er die Gemeinde beim Singen dieses Liedes begleitet, und fremde Teilnehmer des Gottesdienstes staunen immer wieder über den Klangeindruck dieses seltenen Orgelregisters und über die zusätzliche Liedbegleitung durch das Propsteiorchester. Für die Gemeindemitglieder unter den alljährlich 2.000 Gottesdienstteilnehmer ist es schön zu wissen, dass ihre Leipziger Vorfahren im Glauben dieses Lied auf den Weg um die Welt gebracht haben, und dass sich in wenigen Jahren sich diese Leipziger Premiere zum 175. Mal jähren wird. Johann Neudert |
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6.04.2009
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